Schwindel

Menschen, die noch nie einen Schwindel erlebt haben, können mit diesem Begriff oft wenig anfangen.
Oft hat das Wort Schwindel im Allgemeinen auch eine ganz andere Bedeutung
(Schwindel in Form eines Betrugs zum Beispiel).

Für diejenigen, die schon einmal an einem Schwindel im medizinischen Sinn gelitten haben, kann die Störung des
Gleichgewichtssinns mit massiven Einschränkungen und Ängsten (habe ich einen Tumor im Gehirn,
habe ich einen Schlaganfall?) verknüpft sein.

Stellen Sie sich einmal vor,

….sie wollen sich ins Bett legen und plötzlich wird Ihnen schwindlig und die ganze Welt dreht sich wie
in einem Karussell.

…oder Sie möchten die Straße überqueren und beim links-rechts schauen kommen Sie ins Schwanken und verlieren
fast den Boden unter den Füßen.

…oder Sie können beim Autofahren keine Straßenschilder lesen, weil Sie das Gefühl haben,
dass sich die Buchstaben bewegen.

…oder Sie leiden unter einem ständigen Benommenheitsgefühl. Eventuell wird Ihnen auch bei einem
schnellen Positionswechsel schwarz vor den Augen.

Beängstigend, oder?

Anhand dieser kurzen Beispiele, sehen Sie, dass sich der Schwindel auf verschiedene Weise äußern kann.

Wussten Sie, dass Schwindel einer der
häufigsten Gründe für eine Besuch beim Arzt ist? [1]

Was ist eigentlich Schwindel?

Schwindel ist eine subjektive Wahrnehmung von Bewegung, entweder von einem selbst oder
die Umwelt bewegt sich um einen herum.

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass Schwindel per se keine eigenständige Erkrankung ist, sondern ein Symptom,
welches sich unterschiedlich äußern kann.

Welche Arten von Schwindel gibt es?

Folgende Schwindelarten können wir im Allgemeinen unterscheiden:

  • Drehschwindel: “Es dreht sich alles, wie in einem Karussell”
  • Schwankschwindel und Gangunsicherheit: Man hat das Gefühl, den Boden unter den
    Füßen zu verlieren. Beim Gehen zieht es einen auf die eine oder andere Seite.
  • Benommenheit: ein vages Gefühl des Weggetreten-Seins, ein schwebendes Gefühl.
  • Kreislaufkollaps: Schwarzwerden vor den Augen, Kreislaufinstabilität

Das Gleichgewichtssystem

Beim Gleichgewichtssystem (vestibuläres System) handelt es sich um ein spezielles System, welches in Kürze
zusammengefasst die Informationen von unseren Augen, Innenohr und Muskeln und Gelenken sammelt
und uns dabei hilft, uns im dreidimensionalen Raum zu orientieren.

Zentrum des Gleichgewichts

Das Gleichgewichtsorgan

Das Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan) hat seinen Sitz im Innenohr und ist für die Messung von Beschleunigungskräften zuständig. Das Gleichgewichtsorgan bildet gemeinsam mit dem Gleichgewichtsnerv (Nervus vestibulocochlearis) das periphere vestibuläre System.

Das Vestibularorgan besteht beidseitig aus 3 Bogengängen und 2 Makulaorganen (Sacculus und Utriculus).

Das Gleichgewichtsorgan

Die Funktion der Makulaorgane

Die Makulaorgane messen Translationsbeschleunigungskräfte.
Sacculus und Utriculus stehen senkrecht zueinander, wobei der Sacculus vertikale Beschleunigungen (z.B.: rauf-runter Springen) und der Utriculus horizontale Beschleunigungen (z.B. Zug, Auto fahren) misst.

Die Funktion der Bogengänge

Die Bogengänge (Canales semicirculares ossei) messen Drehbeschleunigskräfte, die bei Kopfbewegungen entstehen (Vor-zurückneigen, Seitneigung, Links-rechts Drehen vom Kopf).

Wussten Sie, dass das Innenohr nur so groß
wie eine 1 Cent Münze ist?

Die 7 häufigsten Ursachen von Schwindel

Schwindel kann viele Ursachen haben. Auf dieser Seite möchten wir vor allem, auf die häufigsten Ursachen von
Schwindel eingehen. Diese 7 Erkrankungen machen ca. 80 % aller Schwindelsyndrome aus
(Syndrom= Kombination verschiedener Symptome).

Die Daten, die sie im folgenden Diagramm sehen, sind Daten von insgesamt 17718 PatientInnen, die in der
deutschen Schwindelambulanz der Ludwig-Maximilians-Universität von 1988 bis 2012 untersucht wurden. [2]

Die 7 häufigsten Ursachen von Schwindel

#1 der gutartige Lagerungsschwindel

Der gutartige Lagerungsschwindel (benigne paroxysmale Lagerungsschwindel =BPLS)
ist die häufigste Ursache für Schwindel.

Typischerweise können schnelle Lageveränderungen, wie zum Beispiel das Hinlegen und das Umdrehen im Bett
einen heftigen Drehschwindel auslösen.

Ursache dafür sind kleine Gehörsteinchen, die sogenannten Otolithen (oto = Ohr, lithos= Stein),
welche sich von der Membran des Vorhofsäckchen (Utriculus = lateinisch für kleiner Beutel ) lösen und dann in einen
der drei Bogengänge fallen können. Wenn man jetzt den Kopf schnell bewegt, beschleunigen diese Steinchen
die Flüssigkeit (Endolymphe) im Bogengang überdurchschnittlich schnell. Diese Beschleunigung wird dann als
Drehschwindel in unserem Gehirn wahrgenommen.

1 der gutartige Lagerungsschwindel

Was ist typisch für den gutartigen Lagerungsschwindel?

  • Es kommt zu heftigen Drehschwindelattacken, die ein paar Sekunden, manchmal aber
    auch bis zu 2 Minuten andauern können.
  • Der Schwindel wird durch schnelle Kopfbewegungen oder durch einen schnellen
    Positionswechsel ausgelöst.
  • PatientInnen schlafen oft im Sitzen, weil sie das gerade Liegen im Bett und den dadurch
    auftretenden Drehschwindel vermeiden wollen.

Wie behandelt man den gutartigen Lagerungsschwindel?

Mit Hilfe von speziellen Befreiungsmanövern können die Ohrsteine aus dem jeweils betroffenen Bogengang herausgespült werden. Etliche Studien bestätigen dabei die hohe Effektivität der durchgeführten Lagerungsmanöver. [3]

Wer führt die Befreiungsmanöver beim gutartigen Lagerungsschwindel durch?

Diese Lagerungsmanöver führen im Idealfall Ärzte, oder speziell dafür ausgebildete Therapeuten
gemeinsam mit dem Patienten durch.
Aus Zeitgründen bekommen Patienten von ihrem Arzt oft nur eine Broschüre mit und müssen das
Befreiungsmanöver dann selber zu Hause durchführen. Dabei treten aber leider oft Probleme auf:

  • Das Lagerungsmanöver löst einen Drehschwindel aus und der Patient ist verunsichert und
    bekommt Angst.
  • Wenn das Manöver nicht richtig durchgeführt wird, werden die Ohrsteine (Otolithen)
    nicht aus dem Bogengang herausgespült und der Schwindel bleibt bestehen.
  • Falls der betroffene Bogengang nicht richtig diagnostiziert wurde, löst ein falsches
    Manöver unnötigerweise einen Schwindel aus.

#2 der funktionelle Schwindel

Der funktionelle Schwindel kann sich unterschiedlich äußern. Patienten klagen oft über ein Benommenheitsgefühl,
welches den ganzen Tag über besteht. Es kann zu einer Unsicherheit im Stand und beim Gehen
(Schwankschwindel) kommen. Oft sind alle medizinischen Untersuchungen unauffällig und der Schwindel besteht
schon seit längerer Zeit (seit über 6 Monaten bis einige Jahre).

Der psychogene Schwindel

Der funktionelle Schwindel hat oft verschiedene Bezeichnungen

  • pyschogener Schwindel
  • phobischer Schwankschwindel
  • somatoformer Schwindel
  • chronischer subjektiver Schwindel
  • Persistierender postural-wahrgenommener Schwindel (Persistent Postural-Perceptual
    Dizziness, Abkürzung PPPD)

Unterschied zwischen psychosomatischem und somatopsychischem Schwindel:

Der funktionelle Schwindel kann durch folgende Modelle erklärt werden:

Psychosomatisches Modell:

Ein stark traumatisierendes Ereignis in der Vergangenheit bzw. eine psychische Störung wie zum Beispiel eine Angststörung oder Panikstörung können einen Schwindel auslösen, obwohl der Körper bzw. das Gleichgewichtsorgan einwandfrei funktionieren. Dieser wahrgenommene Schwindel führt wieder zu mehr Angst (Habe ich einen Tumor?, Habe ich eine schwere Erkrankung?) und man befindet sich in einem Teufelskreis, aus dem man schwer wieder alleine herauskommt.

Somatopsychisches Modell:

Durch eine körperliche Erkrankung kann ein Schwindel ausgelöst werden, welches den Patienten sehr stark in seinem
Alltag einschränken und sich negativ auf seine Lebensqualität auswirken kann. Diese Beeinträchtigung kann bei manchen
Patienten zu starken Ängsten und dadurch zu einer übertriebenen Wachsamkeit (Hypervigilanz) führen. Obwohl
die körperliche Ursache behoben wurde, können trotzdem Schwindel und Benommenheitsgefühle bestehen bleiben.

Was ist typisch für den funktionellen Schwindel?

  • Es gab ein körperlich oder psychisch auslösendes Ereignis in der Vergangenheit.
  • Die Beschwerden bestehen schon über einen längeren Zeitraum (über 6 Monate bis Jahre).
  • Die körperliche Untersuchung ist völlig normal oder widersprüchlich.
  • Die Symptome sind nicht wirklich nachvollziehbar, bzw. sehr ungenau beschrieben.
  • Psychische Störungen (vor allem bei Angststörungen und Panikstörungen ) können den psychogenen Schwindel begünstigen.
  • Wenn der Patient alkoholisiert ist, nehmen die Schwindelbeschwerden ab.

Wie behandelt man den funktionellen Schwindel?

  • Aufklärung (Patientenedukation)
  • Kognitive Verhaltenstherapie
  • Medikamente
  • Vestibuläre Habitutationsübungen, falls der Schwindel bei der körperlichen Untersuchung
    auslösbar ist.

#3 Zentral-vestibulärer Schwindel

Beim zentralen Schwindel ist das Kleinhirn bzw. der Hirnstamm betroffen.
Es kommt es zu Störungen des Gleichgewichtssinns aufgrund von Erkrankungen, die ihren Ursprung im Gehirn haben.

Zentral-vestibulärer Schwindel

Was sind typische Symptome des zentralvestibulären
Schwindels?

  • Es kommt zu unterschiedlichen Störungen der Bewegung und der Haltung (Ataxie):

    – Es kann zu Probleme beim aufrechten Sitzen oder Stehen kommen (Rumpfataxie).
    – Es kann zu einer gestörten Augen-Hand Koordination kommen (optische Ataxie).
    – Es kann zu einem unsicheren, breitbeinigen oder kleinschrittigen Gang kommen. (Gangataxie)
  • Es kann zu einem Hörverlust kommen.
  • Es kann zum Sehen von Doppelbildern kommen.
  • Es kann zu Gefühlsstörungen (Einschlafen, Kribbeln, „pelziges Gefühl“) im Gesichtsbereich kommen.
  • Es kann zu Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, wie zum Beispiel Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit (kognitive Störung) kommen.
  • Es kommt zu bestimmen, unkontrollierten Augenbewegungen, die durch Fixation (Fixieren eines Objekts mit den Augen) nicht unterdrückt werden können (zentraler Nystagmus).

Wie kann ein zentral-vestibulärer Schwindel entstehen?

Es gibt verschiedene Erkrankungen, die das zentrale Gleichgewichtssystem (das sind bestimmte Bereiche im
Kleinhirn und Hirnstamm) beeinträchtigen können:

  • Schlaganfall und TIA (=transitorische ischämische Attacke)
  • Hirnstamminfarkt
  • Multiple Sklerose
  • atypische Parkinson-Syndrome
  • starke Kopfverletzungen (Schädel-Hirn-Traumata)
  • vestibuläre Migräne

Kurz zusammengefasst können jegliche Erkrankungen, die das Kleinhirn oder den Hirnstamm betreffen,
einen zentralen Schwindel auslösen.

Wie behandelt man den zentral-vestibulären Schwindel?

Diese Frage kann man leider nicht pauschal beantworten, da sich die Behandlung nach der individuellen Erkrankung
richtet. Wichtig ist es, beim akuten Auftreten eines zentralen Schwindels lebensbedrohliche Erkrankungen wie zum
Beispiel einen Schlaganfall oder Hirnblutung ausschließen zu können.


#4 Die Vestibuläre Migräne

Die Vestibuläre Migräne (auch als Schwindelmigräne bekannt) ist eine Sonderform der Migräne,
bei der Patienten an einem Schwank- oder Drehschwindel leiden. Wichtig zur Unterscheidung von anderen
Erkrankungen dabei ist, dass die Beschwerden dabei episodenhaft auftreten (PatientInnen mit einer
Schwindelmigräne haben nicht “die ganze Zeit” Schwindel). Der Schwindel wird dabei durch spezielle Trigger entweder
sofort, oder manchmal sogar erst Stunden bis Tage danach ausgelöst.

Die Vestibuläre Migräne

Was sind typische Symptome der Vestibulären Migräne?

  • Es kann zu einem Schwankschwindel, aber auch zu einem Drehschwindel kommen.
    Diese können spontan (76%) auftreten oder durch Lageveränderung (24%) provoziert werden.
  • Der Schwindel kann gemeinsam mit einer Kopfschmerz-Migräne-Attacke auftreten.
    In 30 % aller Fälle kann die Vestibuläre-Migräne jedoch auch ohne Kopfschmerzen bestehen.
  • Menschen mit einer Schwindelmigräne sind meistens anfälliger für die Reisekrankheit
    (empfindlich beim Auto-, Boot- und Karussellfahren)
  • Durch schnelle Bewegungen (vor allem Kopfbewegungen) kann ein Schwindel oder auch
    ein Kopfschmerz provoziert werden.
  • Patienten sind empfindlich gegenüber visuellen Reizen (z.B.: schnelle bewegende Objekte,
    3D Kino,etc.)
  • Auch andere Auslöser (Trigger) wie zum Beispiel Stress, Schlafmangel, Ernährung,
    hormonelle Schwankungen, Wetterumschwünge und sensorische Überreizungen
    (zum Beispiel sehr grelles Licht, Gestank, Lärm) können eine Vestibuläre Migräne
    Attacke auslösen.

Wie lange dauert eine Vestibuläre Migräne?

Die Dauer einer Vestibulären Migräne-Attacke kann unterschiedlich lange andauern (von einigen Sekunden bis mehrere Tage):

  • Bei ca. 10% aller Patienten mit Vestibuläre Migräne dauern die Beschwerden nur
    einige Sekunden an.
  • Bei ca. 30% dauern die Beschwerden einige Minuten an.
  • Bei ca. 30% dauern die Beschwerden einige Stunden an.
  • Bei ca. 30% dauern die Beschwerden sogar einige Tage an.
Wussten Sie, dass die Vestibuläre Migräne die häufigste
Ursache von immer wieder auftretenden
Schwindelattacken (episodischen Schwindelattacken) ist?

Was kann man gegen die Vestibuläre Migräne tun?

  • Erhöhung der Belastbarkeit durch Sport, Hobbies, Yoga, Meditation, mentales Training usw.
  • Trigger, die eine Vestibuläre Migräne auslösen können, erkennen bzw. vermeiden:
    Trigger können sein:

    – Schlafmangel
    – Stress
    – Ernährung
    – hormonelle Schwankungen
    – Wetter/ Luftdruckschwankungen
    – starke sensorische Reize wie zum Beispiel grelles Licht und Lärm
  • Habituatuationsübungen für das Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan)

#5 Morbus Menière

Bei der Menière Krankheit kommt es zu mehreren heftigen Schwindelattacken (zwei oder mehrere Episoden),
die mindestens 20 Minuten bis 12 Stunden andauern können. Zusätzlich kommt es auch zu einer nachgewiesenen
Hörminderung in niedrigen und mittleren Frequenzbereich. Es kann zu Ohrgeräuschen (Tinnitus) und
zu einem Druckgefühl im Ohr kommen.

Morbus Menière

Wie entsteht die Menière Krankheit?

Bei Morbus Menière (Morbus = Krankheit) kommt es zu einer Schwellung der Innenohrflüssigkeit.
Normalerweise kommt es im Endolymphsack (Saccus endolymphaticus) zu einem Austausch zwischen den Blutgefäßen und der Innenohrflüssigkeit. Dieser Mechanismus funktioniert bei der Menière Krankheit nicht. Da die Flüssigkeit nicht abtransportiert werden kann, reißen die Membranen im Innenohr und die verschiedenen Flüssigkeiten (Endolymphe und Perilymphe) vermischen sich.
Es kommt zu einer Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorgans (Vestibularorgan) und der Hörschnecke (Cochlea).

Wie lange dauert ein Menière Attacke?

Bei der Menière Krankheit dauert eine Schwindelattacke mindestens 20 Minuten und kann mehrere Stunden andauern. Wenn die Schwindelattacke bis zu 12 Stunden andauert, spricht man von einer definitiven Menière Krankheit. Dauert die Attacke zwischen 12 und 20 Stunden an, spricht man von einer wahrscheinlichen Menière Krankheit.

Was sind typischen Anzeichen der Menière Krankheit?

  • Mindestens zwei Episoden von Schwindelattacken die zwischen 20 Minuten bis 12 Stunden (definitive Menière Krankheit) oder zwischen 12 und 20 Stunden andauern können (wahrscheinliche Menière Erkrankung).
  • nachgewiesene Hörminderung im Audiogramm im niedrigen und mittleren Frequenzbereich
  • eventuell Ohrgeräusche (Tinnitus) und Druckgefühl im Ohr
  • Schwindelattacken können spontan ohne ersichtlichen Auslöser (Trigger) entstehen
    (wichtig zur Unterscheidung zwischen Morbus Meniere und der vestibulären Migräne).

Wie behandelt man Morbus Menière?

  • Als Prophylaxe kann eine salzarme Diät das Risiko eines Endolymphydrops (=krankhafter Anstieg der Endolymphe im Innenohr) reduzieren.
  • Medikamente
  • chirurgischer Eingriff
  • Vestibuläre Rehabilitationstherapie, um die Folgen der Innenohrschädigung zu kompensieren.

#6 Neuritis vestibularis

Bei der Neuritis vestibularis (auch Neuropathia vestibularis genannt ) kommt es zur einer Entzündung des
Gleichgewichtsnervs (Nervus vestibularis) und einem plötzlichen Ausfall des Gleichgewichtsorgans (Vestibularorgan).

Neuritis vestibularis

Wie entsteht die Neuritis Vestibularis?

Es wird vermutet, dass diese Entzündung durch Viren (Herpes Simplex Virus Typ1) ausgelöst wird. [4]

Was bedeutet Neuritis?

Als Neuritis bezeichnet man eine Entzündung eines peripheren Nervs, bzw. eine Entzündung eines Hirnnervs.
Ein peripherer Nerv liegt außerhalb des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark).

Was sind typische Symptome einer Neuritis vestibularis?

  • Es kommt zu einem plötzlich auftretendem Drehschwindel mit Übelkeit und Erbrechen.
    Diese Symptome sind vor allem in den ersten Tagen (ca. 24-72 Stunden) sehr intensiv.
  • Beim Gehen kommt es zu Gleichgewichtsstörungen und zu einem Schwankschwindel, vor allem
    zur betroffenen Seite (es kann der rechte oder der linke Gleichgewichtsnerv betroffen sein).
  • Es kommt zu einer verwackelten Sicht beim Gehen oder bei schnellen Kopfbewegungen (Oszillopsie).

Wie behandelt man eine Neuritis vestibularis?

  • In der akuten Phase wird hochdosiert Cortison verabreicht, um der Entzündung des Gleichgewichtsnervs entgegenzuwirken.
  • Außerdem können Medikamente verabreicht werden, um Übelkeitsgefühle zu vermindern, und das Schwindelorgan zu dämpfen (Schwindelsymptome werden dadurch gelindert).
  • Ist die akute Phase einmal überstanden, sollte gleich mit der Schwindeltherapie (vestibuläre Rehabilitationstherapie) gestartet werden.
Wussten Sie, dass ein frühzeitig begonnenes,
vestibuläres Rehabilitationsprogramm
(=Aufbautraining für das Gleichgewichtsorgan)
in Kombination mit Medikamenten, bessere Ergebnisse erzielt, als
nur eine medikamentöse Behandlung alleine? [5]

#7 Bilaterale Vestibulopathie

Die bilaterale Vestibulopathie (bilateral= zwei Seiten sind betroffen, Vestibulopathie= Erkrankung des
Gleichgewichtsorgans) ist eine chronische Erkrankung beider Gleichgewichtsorgane (Vestibularorgan)
und/ oder beider Gleichgewichtsnerven (Nervus vestibularis).

Die bilaterale Vestibulopathie wird auch vestibuläre Hypofunktion (=Unterfunktion) genannt.

Bilaterale Vestibulopathie

Was sind typische Symptome der bilateralen Vestibulopathie?

  • Es kommt zu einem bewegungsabhängigen Schwankschwindel
  • Patientinnen klagen über Unsicherheiten beim Gehen oder beim Stehen, welche vor allem im Dunkeln oder auf einem unebenen Untergrund zunehmen.
  • Beim Gehen bzw. bei Kopfbewegungen kommt es zu einer verwackelten und verschwommenen Sicht (Oszillopsie)
  • In Ruhe (Sitzen oder Liegen) kommt es zu keinen Schwierigkeiten.

Wie entsteht die bilaterale Vestibulopathie?

Warum es zu einer Beeinträchtigung beider Gleichgewichtsorgane (Vestibularorgane) kommt, ist in den meisten Fällen unklar. In den anderen Fällen kann die bilaterale Vestibulopathie durch ototoxische (=Vergiftung des Innenohrs) Medikamente ausgelöst werden. Oder die Erkrankung entsteht als Folge einer anderen Erkrankung.

Bilaterale Vestibulopathie als Folge von Medikamenten, die das Innenohr schädigen

  • Gentamicin

    Bei Gentamicin handelt es sich um ein Aminoglycosid-Antiobiotikum- Aminoglycosid-Antibiotika sind sehr aggressivste Antibiotika, welche bei lebensbedrohlichen Entzündungen und Infektionen eingesetzten werden (z.B. Nach Entzündungen bei Herz Ops)
  • Cisplatin (Chemotherapie Medikament)
  • Schleifendiuretika

    – Diuretika sind im Allgemeinen harntreibende und blutdrucksenkende Medikamente.
    – Bei Schleifendiuretika handelt es sich um sehr starke Diuretika, die bei lebensbedrohlichen Ödemen (z.B. Hirnödeme, Lungenödeme) eingesetzt werden.

Sekundäre Entstehung

Die bilaterale Vestibulopathie kann als Folge einer Erkrankung entstehen:

  • nach einer Neuritis vestibularis
  • als Folge eines Akustikusneurinom (Neurofibromatose)
  • als Folge eines Traumas (Felsenbeinfraktur)
  • auf Grund einer Menière Erkrankung (beidseitiger Morbus Menière)
  • als Folge einer infektiösen Entzündung: Meningitis (Hirnhautentzündung)
  • als Folge von degenerativen Kleinhirnerkrankungen (z.B. progressive neurologische Erkrankungen, wie zum Beispiel Multiple Sklerose)
Wussten Sie, dass die bilaterale Vestibulopathie, die häufigste Ursache für bewegungsabhängigen Schwankschwindel bei älteren Patienten ist?

Seltene Ursachen für Schwindel

Hier wird auf seltene Ursachen eingegangen, die einen Schwindel auslösen können.
Es gibt noch einige extrem seltene Ursachen, auf die wir hier nicht eingehen.


– HWS Schwindel/ Zervikogener Schwindel

Der zervikogene Schwindel (von der Halswirbelsäule ausgehend) wird durch eine bestimmte Nackenposition oder Nackenbewegung ausgelöst, unabhängig von der Ausrichtung des Kopfes zur Schwerkraft.

Ob es den zervikogenen Schwindel wirklich gibt, wird in der Wissenschaft sehr kontrovers diskutiert [6,7]. Es gibt zwar mehrere Vermutungen, wie ein Schwindel von der Halswirbelsäule entstehen kann, aber keine dieser Hypothesen konnte bis jetzt bestätigt werden.

HWS Schwindel/ Zervikogener Schwindel
© therapie-kreis

Wie wird die Diagnose HWS Schwindel gestellt?

Derzeit gibt es kein einheitliches Testverfahren, mit dem man einen HWS Schwindel diagnostizieren kann [8]. Trotzdem ist es sehr wichtig, dass man zuerst alle anderen Erkrankungen, die einen Schwindel auslösen, ausschließen kann. Dazu gehören:

  • Erkrankungen des Innenohrs
  • Erkrankungen des Gehirns
  • Schwindel als Folge von Nebenwirkungen von Medikamenten
  • andere Ursachen, wie zum Beispiel der psychogene Schwindel, der kreislaufbedingte Schwindel

Bei folgende Kriterien sollte man an den HWS Schwindel denken

  • alle anderen Erkrankungen, die einen Schwindel auslösen können, wurden ausgeschlossen
  • Auftreten von Schwindel, Benommenheit, Übelkeit
  • Auftreten von unwillkürlichen Augenbewegungen (Nystagmus) bei Kopfdrehung
  • ein auffälliges MRT der Halswirbelsäule
  • der Schwindel tritt nach einem Trauma der Halswirbelsäule auf, wie zum Beispiel einem Schleudertrauma

Wie behandelt man den HWS Schwindel?

  • vorbereitende Maßnahmen wie zum Beispiel manuelle Therapie, Triggerpunkttherapie, Faszientherapie
  • Koordinationstraining der Nacken- und Halsmuskulatur (Propriozeptives Training)

Fehldiagnose HWS Schwindel?

Vielleicht wundern Sie sich, dass der Schwindel, der von der Halswirbelsäule ausgeht, nicht zu den häufigsten Ursachen für Schwindel gehört. Wie schon vorher erwähnt, sollte man an die Diagnose HWS Schwindel erst dann denken, wenn man alle anderen Ursachen für Schwindel ausschließen konnte.

In Orten, wo Ärzte eine Spezialausbildung in der Schwindeldiagnostik haben (Neurootologie), sinkt der Prozentsatz der Diagnose HWS Schwindel deutlich, da andere Ursachen für den Schwindel durch erweiterte Untersuchungen gefunden werden können.

In Ländern wie zum Beispiel USA und Kanada wird die Diagnose HWS Schwindel so gut wie nie gestellt.
Grund dafür ist, dass es dort viele Ärzte gibt, die eine Spezialausbildung zur Schwindeldiagnostik haben (Neurootologie).

In einer retrospektiven Vorher-Nachher Studie wurden die Häufigkeiten
von verschiedenen Ursachen für Schwindel, vor und nach der
Errichtung einer Schwindelambulanz verglichen.
Die Diagnose HWS Schwindel war anfangs mit 25 % die zweithäufigste
Ursache für Schwindel. Nach der Errichtung einer Schwindelambulanz
mit speziell ausgebildeten Ärzten sank die Diagnose HWS
Schwindel von 25 % auf 0 %. [9]

– Akustikusneurinom

Beim Akustikusneurinom (auch Vestibularisschwannom genannt) handelt es sich um einen gutartigen Tumor, der von den Bindegewebszellen (Schwannzellen) des Hör- und Gleichgewichtsnervs (Nervus vestibulocochlearis) gebildet wird. Dieser Tumor wächst langsam und übt dann mit der Zeit einen Druck auf den 8. Hirnnerv (Nervus vestibulocochlearis) aus.

Gutartiger Tumor

Was sind die Symptome eines Akustikusneurinoms?

  • Es kommt zu Gleichgewichtsstörungen bzw. zu einem Schwankschwindel.
  • Es kommt zu einer Hörminderung bis zu einem Hörsturz.
  • Es kommt zu einer verwackelten Sicht bei Bewegungen des Kopfes (Oszillopsie)
  • Es kann zu einem Tinnitus kommen.

Wie behandelt man ein Akustikusneurinom?

  • Der Tumor wird entweder bestrahlt oder operativ entfernt.
  • Ist der Tumor zerstört bzw, entfernt worden, können die Defizite des Gleichgewichtssystems mit einer Schwindeltherapie (vestibuläre Rehabilitationstherapie) ausgeglichen werden.

– Perilymphfistel

Hierbei kommt es zu einem Riss des ovalen Fenster (Fenestra ovales) oder des runden Fensters (Fenestra cochleae) . Dadurch kann lymphähnliche Flüssigkeit (Perilymphe) austreten und Luft ins Labyrinth eintreten. Es kommt zu einer Beeinträchtigung des Gleichgewichts- und des Hörsinns. Eine Perilymphfistel
kann traumatisch entstehen (Barotrauma beim Tauchen, Felsenbeinfraktur, Gehirnerschütterung), nach einer Operation oder nach einer Infektion.

Perilymphfistel

Wie äußert sich eine perilymphatische Fistel?

Je nach Schweregrad kann es zu leichten Einschränkungen bis zu einem Totalausfall des Innenohrs kommen.

Typische Symptome sind:

  • Drehschwindel oder Schwankschwindel
  • Hörminderung
  • Tinnitus
  • verwackelte Sicht beim Gehen bzw. bei Kopfbewegungen (Oszillopsie)
  • Auflösen von Schwindel und Augenzittern (Nystagmus) durch laute akustische Reize (Tullio-Phänomen)
  • Auftreten von Symptomen durch Druckveränderung (Husten, Niesen, Pressen, Schneuzen, Höhenunterschied)

Wie behandelt man eine perilymphatische Fistel?

Perilymphfistel werden in der Regel konservativ (ohne Operation) behandelt. In den ersten 5-10 Tage wird Bettruhe mit Kopfhochlagerung empfohlen. Außerdem kann ein Abführmittel verschrieben werden, damit Pressen beim Stuhlgang vermieden werden kann. Tätigkeiten, die einen starken Druck auslösen (schweres Heben, Husten, Niesen, Pressen usw.) sollten vermieden werden.

Eine Operation führt in den meisten Fällen zu einer Verbesserung des Schwindels, aber leider nur selten zu einer Verbesserung des Hörverlustes.


– Vestibularisparoxysmie

Bei der Vestibularisparoxysmie kommt es wahrscheinlich zu einer hirnstammnahen Nervenkompression des Gleichgewichts- und Hörnervs (Nervus vestibulocochlearis)

Vestibularisparoxysmie

Wie äußert sich die Vestibularisparoxysmie?

Typische Symptome sind:

  • Drehschwindelattacken für einige Sekunden bis Minuten
  • in seltenen Fällen ein Schwankschwindel
  • Der Schwindel kann (muss aber nicht immer) durch gewisse Kopfpositionen ausgelöst werden.
  • Hörminderung, Tinnitus (nicht in allen Fällen) während der Attacken oder permanent.
  • Symptome können sich eventuell durch längere Hyperventilation provozieren.

Wie behandelt man die Vestibularisparoxysmie?

Die Vestibularisparoxysmie wird medikamentös (Carbamazepin) behandelt.


– Kreislaufbedingter Schwindel

Der kreislaufbedingte Schwindel (kardiovaskulärer Schwindel) wird durch eine verzögerte Anpassung des Blutdrucks (Blutdruckregulationsstörung) ausgelöst.

Kreislaufbedingter Schwindel
Haben Sie schon mal einen Schwindel oder ein Schwarzwerden
vor Augen (Präsynkope) erlebt, wenn Sie sich nach dem Bücken
oder nach dem Liegen schnell aufrichten?
Hierbei kommt es zu einer kurzen Minderdurchblutung des Gehirns,
weil unsere Kreislaufreflexe mit einer gewissen Verzögerung
reagieren, was jedoch nicht krankhaft ist.

Was sind die Ursachen für einen kreislaufbedingten Schwindel?

  • ein erhöhter Blutdruck (Hypertonie)
  • ein niedriger Blutdruck (Hypotonie)
  • Orthostatische Dysregulation wie zum Beispiel:

    – Orthostatische Hypotonie
    – posturales Tachykardiesyndrom (vor allem bei jüngeren Frauen)

– Schwindel als Nebenwirkung von Medikamenten

Medikamente, die eine blutdrucksenkende Wirkung und/oder eine zentrale Wirkung (Beeinträchtigung des zentrales Nervensystems) haben, können als Nebenwirkung einen Schwindel auslösen. Es gibt auch Medikamente, die das Gleichgewichtsorgan im Innenohr direkt schädigen können, (ototoxische Medikamente).

Schwindel als Nebenwirkung von Medikamenten

[1] Diagnosis and Treatment of Vertigo and Dizziness
Dtsch Arztebl Int. 2008 Mar; 105(10): 173–180.
Michael Strupp, Prof. Dr. med., and Thomas Brandt, Prof. Dr. med. Dr. h.c.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2696792/

[2] The treatment and natural course of peripheral and central vertigo
Dtsch Arztebl Int. 2013 Jul; 110(29-30): 505–516.
Michael Strupp, Prof. Dr. med. FANA,*,1 Marianne Dieterich, Prof. Dr. med. FANA,1 and Thomas Brandt, Prof. Dr.
med. Dr. h.c. FRCP; FANA1
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3752584/

[3] Effectiveness of particle repositioning maneuvers in the treatment of benign paroxysmal positional vertigo: a
systematic review | Phys Ther. 2010 May
Janet Odry Helminski, David Samuel Zee, Imke Janssen, Timothy Carl Hain
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20338918/

[4] Vestibular neuritis | Semin Neurol. 2009 Nov.
Michael Strupp, Thomas Brandt
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19834862/

[5] Efficacy of Vestibular Rehabilitation Following Acute Vestibular Neuritis: A Randomized Controlled Trial | Otology
& Neurotology: January 2020 https://journals.lww.com/otology-neurotology/Abstract/2020/01000/Efficacy_
of_Vestibular_Rehabilitation_Following.20.aspx

[6] Cervical vertigo–reality or fiction| Review Audiol Neurootol . Jul-Aug 1996;1(4):187-96. doi: 10.1159/000259201.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9390801/

[7] Approach to cervicogenic dizziness: a comprehensive review of its aetiopathology and management| Review Eur
Arch Otorhinolaryngol . 2018 Oct;275(10):2421-2433. doi: 10.1007/s00405-018-5088-z. Epub 2018 Aug 9.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30094486/

[8] die Pathogenesis, Diagnosis, and Treatment of Cervical Vertigo| Review Pain Physician . Jul-Aug
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